Ich bin Karsten, 51 Jahre alt, seit 2023 im Freundeskreis Erfolgsgeschichten
Wie ich mich verlor – und fast aufgab
Mein Leben war lange Zeit von Erfolg geprägt. Ein anspruchsvoller Job im Außendienst, Verantwortung über mehrere Regionen, Respekt von Kolleg:innen und Kund:innen. Ich war viel unterwegs, liebte Herausforderungen und stand gleichzeitig unter enormen Druck. Aber ich funktionierte. Doch hinter der Fassade sah es anders aus.
Der Alkohol kam schleichend. Erst ein Glas Wein zur Belohnung, dann immer mehr. Aus Genuss wurde Gewohnheit- und schließlich Abhängigkeit. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wie ich ohne Alkohol funktionieren sollte. Ich trank heimlich, versteckt, voller Scham. Ich zog mich zurück, mied meine Familie, Freunde, Kolleg:innen. Ich verlor die Verbindung – zu anderen, aber vor allem zu mir selbst.
Der Mensch, der ich einmal war, verschwand langsam. Ich wurde gleichgültig. Leer. Ein Schatten meiner selbst. Bis meine Frau eines Tages zu mir sagte:
„Du hast einen Stempel auf der Stirn – auf dem steht: Zombie.“
Ich war wütend und wehrte mich – doch ihre Worte trafen mich tief. Sie sah, was ich mir selbst nicht eingestehen wollte.
Der Körper rebelliert – und die Seele schweigt
Die körperlichen Anzeichen waren nicht mehr zu übersehen. Und immer wieder diese Angst: „Was, wenn es zu spät ist? Was, wenn ich daran zugrunde gehe?“ Ich versuchte aufzuhören – wieder und wieder. Zwei Tage, drei Tage, eine Woche. Dann fiel ich zurück. Es war wie ein Teufelskreis, aus dem ich keinen Ausweg fand.
Im September 2023 hatte ich einen Arzttermin. Ich wollte die Wahrheit verbergen, doch der Arzt sah mich- wirklich. Seine Worte waren klar und unerbittlich:
„Wenn Sie so weitermachen, wird das nicht gut für Sie ausgehen. Denken Sie an Ihre Familie. Holen Sie sich Hilfe.“
In diesem Moment brach etwas in mir zusammen – aber es war kein Zusammenbruch, sondern der erste Schritt nach vorn. Zum ersten Mal fühlte ich mich gesehen, nicht verurteilt. Und ich wusste: Ich muss etwas ändern. Jetzt.
Der erste Schritt – zurück ins Leben
Ich rief bei der Beratungsstelle in Echterdingen an. Schon das erste Gespräch war anders, als ich erwartet hatte: ehrlich, menschlich, urteilsfrei. Ich fühlte mich nicht mehr allein.
Kurz darauf besuchte ich den Freundeskreis. Und dort begegneten mir Menschen, die mich verstanden. Keine Floskeln, keine Masken. Nur Offenheit, Zuhören, Vertrauen.
Zum ersten Mal seit Langem durfte ich ehrlich sein. Fallen. Schwach sein. Und wurde trotzdem akzeptiert.
Heute – mein neues Leben in Freiheit
Ich bin nicht „geheilt“. Ich bin nicht perfekt. Aber ich bin nüchtern – und ich bin lebendig.
Ich gehe wieder unter Menschen, treibe Sport, lache, kann zuhören, kann mitfühlen. Ich bin wieder Partner, Vater, Freund, Kollege.
Ich bin stolz auf diesen Weg, der nie einfach sein wird. Aber ich bin zurück im Leben. Vor allem, weil ich gelernt habe: Schwäche hat nichts mit Versagen zu tun. Im Gegenteil- der Mut, sich den eigenen Dämonen zu stellen, ist vielleicht die größte Stärke, die wir in uns tragen.