Ich bin Wiebke Beyer, 57 J., seit 1999 im Freundeskreis Leinfelden Erfolgsgeschichten
Wann genau es anfing kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber heute bin ich davon überzeugt, dass schon in meiner Kindheit ein Grundstein für eine steile Suchtkarriere lag.
Geboren in Niedersachsen, als jüngste von fünf, hatte ich eine turbulente Kindheit. Die ersten Jahre waren von vielen Umzügen geprägt. Immer wieder rausgerissen aus dem gewohnten Umfeld, konnten sich keine Wurzeln bilden.
Als ich 12 J. war, verschlug es uns dann in den Süden Deutschlands. Wieder eine neue Schule, wieder neue Menschen – und ein Dialekt, den ich kaum verstand.
Als ein von Natur aus schüchterner Mensch, tat ich mich immer schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Und durch die vielen Umzüge blieb ich immer die Neue, eine Fremde.
Doch bald hatte ich meine 'Medizin' gefunden: Alkohol. Gleichwohl es eine Weile dauerte, mich daran 'zu gewöhnen'. Ich erinnere mich an mein erstes Bier. Es schmeckte bitter und am nächsten Tag war ich sterbenskrank, schwor nie wieder Alkohol zu trinken. Aber bei der nächsten Gelegenheit griff ich wieder zu. In den ersten Jahren trank ich natürlich nicht täglich. Nur wenn ich mal ausgehen durfte, dann aber trank ich, mehr und mehr. Ich suchte mir ein entsprechendes Umfeld, in dem viel getrunken wurde und so fiel ich auch wenig auf. Alkohol begleitete mich immer, tröstete mich und bot mir ein ‚gekauftes‘ Umfeld.
Und dann – in einer Lebenskrise - kamen die Essstörungen. Erst Magersucht, dann Bulimie, dann beides abwechselnd. Und, wie Vieles im Leben, betrieb ich auch diese Sucht mit einer Vehemenz, die nur in der Selbstzerstörung enden konnte.
Nach Außen wahrte ich noch eine Weile das Bild von der ‚normalen‘ Wiebke und war innerlich schon lange zerbrochen. Manchmal war ich mir so fremd, dass mich der Klang meines eigenen Namens verwirrte und ich nicht sicher war, ob das wirklich ich bin …
Depressionen, Jahre des Alkoholmissbrauchs und massive Essstörungen brachten mich schließlich an den Rand meiner Selbst. Ich spürte keinen Lebenswillen mehr. Doch in all diesem Dunkel und Nebel, klang in mir wohl eine ganz leise Stimme, die leben wollte – nur nicht so.
Irgendwann war ich so weit, dass ich mich in die Psychiatrie zu einer Entgiftung einliefern ließ. Allerdings schaffte ich es nicht aufs erste Mal ... da wurde ich nach einem heftigen Rückfall unehrenhaft entlassen ... 3 Wochen später war ich wieder dort und diesmal kriegte ich die Kurve schon etwas besser. Ich wollte doch gesund werden und tat alles, was mir möglich war dafür. Eine erneute Entgiftung, dann eine Langzeittherapie. Ich war in einer speziellen Gruppe für Frauen mit Essstörungen und Alkoholabhängigkeit. Ich nahm teil an den Gruppengesprächen, Einzelstunden und verschiedenen Therapien und ich schloss Freundschaften. Ganz ganz langsam fand ich den Weg zurück ins Leben.
Als ich dann entlassen wurde - nach meiner gut 20 Jahre dauernden Odyssee -, hatte ich eine Wohnung und eine Arbeit, hatte mir eine Selbsthilfegruppe am Ort gesucht und die nötige Motivation in mir gefunden, dem Leben nüchtern die Stirn zu bieten.
Schon in der Therapie hatte man mir empfohlen eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Und da ich nicht mehr zurückwollte, wo ich herkam, fasste ich mir ein Herz und ging hin.
Ich gebe es zu, der erste Abend war nicht einfach; ich kannte niemanden und fühlte mich noch total unsicher und verletzlich, so kurz nach der Therapie.
Doch ich wurde aufgenommen, als gehörte ich schon immer dazu. Eine herzliche Begrüßung, wir sind unter Freunden. Und ich merkte schnell, wie gut es ist, Teil einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu sein.
Die Gruppe wurde meine zweite Familie. Hier wurde ich nicht verurteilt oder musste mich erklären. Ich konnte (und kann noch immer) von all meinen kleinen und auch mal größeren Sorgen und Herausforderungen im Alltag sprechen.
Hier in der Gruppe darf ich die Sorgen der letzten Woche abladen. Die Probleme, die mich belasten kann ich loslassen. Die Gruppe fängt mich auf. Hier gibt man mir – wenn ich es wünsche – einen Rat oder hört mir einfach nur zu. Die Gruppe ist ein geschützter Raum.
Ich kann auch meine Freude der letzten Woche teilen. Das Gute, das ich erleben durfte und meine Erfolge, egal ob groß oder klein. Die Gruppe freut sich mit mir, was das Erlebte doppelt schön macht.
In der Gemeinschaft der Gruppe hat jeder seinen Platz - ist wertvoll. Wir sind verbunden durch die Suchterkrankung. Verstehen wovon der andere spricht, teilen Freud und Leid.
Ich hatte wieder einen Halt und fühlte mich nach und nach auch wieder als ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Der Besuch meiner Freundeskreis-Selbsthilfegruppe half mir da sehr.
Nach ca. zwei Jahren Gruppenbesuch merkte ich, dass hier noch mehr für mich zu holen wäre. Ich besuchte mein erstes Seminar (für Betroffenen Frauen) und machte eine Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer.
Nach ein paar Jahren, gefestigt und mitten im Leben stehend, wollte ich etwas von dem zurückgeben, was mir der Freundeskreis gegeben hatte und begann in der Mitarbeit.
Heute leite ich die Freundeskreisgruppe in Leinfelden und bin Regionalvertreterin der Region Filder-Neckar-Teck.
Die Leistung die ich erbracht habe, macht mich immer noch stolz und hat mir Kraft gegeben, immer wieder Dinge zu verändern, die lange nicht mehr gut waren. Ich habe mehr als einmal den Mut gefunden neu anzufangen. Vor allem bringe ich mehr Geduld auf, Schritt für Schritt zu gehen ...
Ich spüre eine Freiheit und Sicherheit, die mich trägt.
Und wenn ich mal denke, es geht nicht weiter und ich im Leben in unwegsames Gelände komme, dann spreche ich in meiner Gruppe darüber. Der Freundeskreis ist da.